Folge 1
Folge 2
Folge 3
Folge 4
Folge 5
Folge 6

Es war einmal in einem dunklen tiefen Wald. Dort lebte eine alte Frau, von der alle sagten, sie sei eine Hexe. Aber das war sie natürlich nicht. Auch wenn sie täglich in den Wald ging um Kräuter und Pilze zu sammeln und daraus anschließend einen nahrhaften Trunk braute, der sehr gut gegen Erkältung wirken sollte. Nein, eigentlich wohnte sie in einem netten 3 Zimmer Apartment nahe dem Stadtzentrum. Sie hatte Wirtschaftsinformatik studiert und hatte damals eine große Warenhauskette vor dem Ruin gerettet, in dem sie verordnete, dass aus den Wasserhähnen statt Wasser nun Limonade fließen sollte. Kurz darauf übernahm ein Frosch, der gerne Limonade trank, die Firmenleitung. Und wie jeder weiß sind Frösche eh viel bessere Geschäftsmänner als Menschen und so schrieb die Warenhauskette, die wir hier der Einfachheit halber nur Sandman/Sandman/Meyer Ltd. nennen wollen, wieder schwarze Zahlen.

In dem Wald lebte die Frau aber nur halbtags. Dennoch dachten alle, dass sie eine Hexe sei und darum durften die Kinder, deren Familien am Waldrand lebten, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr im Freien spielen. Dem kleinen Fritz war das aber egal. Er hatte in der Schule in einer Pause einmal die meisten Pokémon-Karten gewonnen und war auch sonst der coolste Typ in der Gegend. Nach der Schule fuhr er mit seinem Mofa kleine, pelzige Wesen platt, die man in dieser Ecke Deutschlands Wurze nannte, eigentlich aber Wühlmäuse waren. Fritz hielt sich für so einen geilen Typen, dass er eines Tages dachte: “Hey, die Alte mach ich mir klar!“ Gesagt, getan. Er setzte sich auf sein Mofa, für das er eigentlich viel zu klein war, und bretterte durch den Wald. Mit 180 Sachen brauste er durch’s Gehölz. Dass er dabei nicht nur wie gewohnt einige Wurze, sondern auch ein paar Knürpse und Walkukken tötete, bemerkte Fritz gar nicht. So sehr freute er sich auf eine schnelle Nummer mit der Hexe, die eigentlich eine Wirtschaftsinformatikerin war, die mal eine große Warenhauskette dadurch gerettet hatte, in dem sie Limonade statt Wasser aus den Hähnen fließen lies. Aber das erwähnte ich ja bereits.

Auf halbem Weg bekam Fritz Hunger. Leider hatte er nicht viel mehr bei sich, als eine altes Kaugummi und das aktuelle Micky Maus Heft, das er mit einem Mitschüler für sein Pausenbrot eingetauscht hatte. “Verdammt“, dachte Fritz, “jetzt könnte ich das Brot gut gebrauchen!“ Also biss er einfach in den großen Baum rechts neben ihn und fuhr weiter.

FORTSETZUNG FOLGT!

Gestärkt durch den kräftigen Biss in den Baum machte sich Fritz wieder auf seinen Weg. Bereits nach wenigen 100 Metern – es können auch 2 oder 3 Kilometer gewesen sein, so genau wusste Fritz das nicht mehr, der Baum, in den er gebissen hatte, enthielt nämlich Haluzinogene, die Fritzens Wahrnehmung komplett vernebelten – jedenfalls traf Fritz auf den Großen Bösen Wolf. „Hey, Großer Böser Wolf!“, rief Fritz ihm schon von Weitem zu. In Wahrheit stand der Große Böse Wolf aber direkt vor ihm, das bekam Fritz ja durch den Drogenbaum gar nicht mit und der Große Böse Wolf musste sich die Ohren zuhalten, weil Fritz so schrie. Wie wir ja von Rotkäppchen wissen, hatte der Große Böse Wolf auch Große Böse Ohren, damit er sie besser hören konnte. Jetzt verfluchte er diese Begabung. „Schrei nicht so!“, raunzte der Große Böse Wolf, „Da fallen mir ja meine Großen Bösen Ohren ab und das geht mir auf die Großen Bösen Eier!“ Fritz verstand die Welt nicht mehr. Warum war der Große Böse so laut, wenn er doch mehrere hundert Kilometer vor ihm und hin und wieder auch zwei – drei Meter über ihm stand. In Fritzens Kopf drehte sich alles. Also sprang er wieder auf sein Mofa und fuhr los.

Nach einiger Zeit, fuhr er gegen eine Schnecke, die schon seit dem Morgengrauen versuchte den Waldweg zu überqueren. Eigentlich sollte man meinen, dass eine einfache Schnecke kein Hindernis für ein Mofa wäre, das 180 km/h im ersten Gang fahren konnte. Bei dieser Schnecke handelte es sich aber um eine besondere welche: Sie hatte bereits im zarten Alter von nur 2 Wochen eine Ausbildung zum Architekten mit Spezialisierung auf Statik gemacht und sofort nach Abschluss ihr Schneckenhaus komplett kernsaniert. Jetzt hatte sie nach Feierabend den besten Ausblick auf den schönen, dunklen Wald. Leider konnte sie den Ausblick nicht genießen, da sie extrem kurzsichtig war und den Weg zum Optiker nicht kannte. Darum versuchte sie auch auf die andere Seite des Weges zu kommen, da sie dort jemanden vermutete, der ihr den Weg sagen könnte. Den einzigen, den sie heute traf – oder besser gesagt, DER sie heute traf – war unser Fritz. Mit einem kräftigen Ruck kam das Mofa vollständig zum Stehen und Fritz flog in hohem Bogen über den Lenker. Das Mofa überschlug sich mehrere Male, krachte dann mit einem Lauten Bumms gegen eine große Eiche, explodierte und brannte vollständig aus. Fritz war völlig unverletzt, was ihn aber durch die Betäubung durch den Baum, gar nicht wunderte. Jetzt saß er im Gras und lachte sich halbtot. Hätte er sich ganztot gelacht, wäre er ja gestorben, aber er lachte sich nur halbtot, was ja auch schon eine Leistung ist. „Ey, sach ma! Geht’s noch, Alda?!“, tobte die Schnecke. Sie hatte keine gute Kinderstube genossen und sich darum auch kein besonders gewähltes Vokabular aneignen können. Wenn man aber bedenkt, dass Schnecken in der Regel gar nicht in der Lage sind zu sprechen, konnte man ihr dieses Manko aber verzeihen. „Wat fährste hier denn wie son Wilder durch den Wald? Schon‘ma wat vonner Waldwegverkehrsordnung gehört, du Pisser?“ Die Waldwegverkehrsordnung gab es eigentlich nicht, aber die Schnecke liebte es sich Vorschriften und Gesetze auszudenken um damit Unwissende in die Irre zu führen. Wenn man so tagein tagaus durch den Wald kriecht kommt man schon auf die bescheuertsten Ideen. Fritz guckte verdutzt aus der Wäsche. „Wer hat denn da eben geredet?“, fragte er laut. „Ey, Meister! Hier unten!“, versuchte die Schnecke auf sich aufmerksam zu machen. Fritz ignorierte was er soeben gehört hatte, er konnte es ja auch keiner Person zuordnen. Er wunderte sich nur über den kleinen Stein mit Außenbalkon und Swimming Pool auf der Oberseite, der nur wenige Meter vor ihm auf dem Weg lag. „Verrückte Welt“, dachte sich Fritz und steckte den Stein, der sich heftigst wehrte, in die Tasche. Wer wusste, wozu man ihn noch brauchen konnte.

FORTSETZUNG FOLGT

Der Große Böse Wolf hingegen stand noch immer an der gleichen Stelle, an der Fritz ihn verwundert zurückgelassen hatte. „Was war das denn eben?“, fragte er sich, „Da war doch eben son Knirps. Fährt mich mit seinem Mofa fast um, schreit mich an, torkelt dann herum und braust wieder ab…“ Der Große Böse Wolf verstand die Welt nicht mehr. Lange konnte er sich nicht wundern, denn sein Handy, das brandneue Märchenwald 3000 von Zauberstein Electronics, klingelte und erinnerte ihn so an einen wichtigen Termin, den er beinahe vergessen hatte. Nach seinen Niederlagen gegen Rötkäppchen, die Drei Kleinen Schweinchen und die Sieben Geislein, welche er immer auch nur knapp überlebt hatte, musste der Große Böse Wolf sein Geschäftsmodell komplett überdenken. Es war heutzutage einfach nichts mehr zu holen im „Leuten-auflauern-und-hinterher-fressen“-Geschäft. Die Leute waren einfach zu intelligent um ihm noch auf den Leim zu gehen. Vielleicht war der Wolf auch einfach zu blöd, da waren sich die Leute aber auch nicht allzu sicher. Jetzt war er Investment-Banker und das ziemlich erfolgreich. Bis auf das eine Mal, als er eine große Warenhauskette aufkaufen wollte, die bereits kurz vor dem Bankrott stand. Im letzten Moment übernahm aber ein Frosch die Firmenleitung und konnte sie vor der Insolvenz retten. Der Große Böse Wolf hasste Frösche. Er hatte sie schon immer gehasst und jetzt hatte ihm sogar einer ein bombensicheres Geschäft vermasselt. Er konnte auch nicht verstehen warum so viele Frösche so auf Limonade standen. Der Große Böse Wolf hasste nämlich Limonade noch viel mehr als Frösche. Ach, eigentlich hasste der Große Böse Wolf alles und jeden, sogar sicht selbst. Aber das ließ er sich oft nicht anmerken. Dennoch drehte er zwischendurch, einfach so aus Gewohnheit noch das ein oder andere krumme Ding. „Um nicht aus der Übung zu kommen!“, sagte er immer, wenn das Thema gerade darauf zu sprechen kam.

Der Große Böse Wolf schaute auf sein Handy, 11:30 Uhr. Er hatte noch genug Zeit und schlenderte gemütlich durch den Wald. Er hatte sich am Morgen beim Optiker eine neue Brille geholt. Er hatte Glück gehabt, dass er sofort an der Reihe war. Eigentlich hatte eine Schnecke zu diesem Zeitpunkt einen Termin für eine Augenuntersuchung gehabt, diesen aber nicht wahrgenommen. So konnte sich der Wolf auch hier in aller Ruhe ein neues Gestell aussuchen und fand auch genau das richtige Modell. Das gefiel sogar seiner Frau auf Anhieb, aber auf deren Meinung gab er nichts, weil er sie ebenso hasste. Genau wie seine 3 Kinder, die alten Drecksäcke. Ständig lagen sie ihm auf der Tasche, rauchten, tranken Alkohol und blieben bis spät in die Nacht weg. Richtig verzogene Gören waren sie. Dieses eine Mal, da war sich der Große Böse Wolf sicher, hatte er gute Arbeit geleistet, diese Kinder hatte er für’s spätere Leben gut ausgerüstst. Trotzdem hasste er sie wie die Pest.

Wieder klingelte sein Handy. Ein Anruf. Die Hexe war am Apparat. Auch sie hasste der Wolf. „Hallo Wolf, wie laufen die Geschäfte?“ – „Ganz gut eigentlich, kann mich nicht beklagen! Hast du wieder einen Auftrag für mich?“ – „Genau, ich habe gehört, dass ein Kind auf dem Weg zu meinem Hexenhaus im Wald ist. Ich bin leider gerade auf einem Meeting in New York.“ – „New York? Was machst du denn da?“ – „Ich mache jetzt in Business Coaching und berate Firmen in verschiedenen Angelegenheiten. Aber nun zu dem Auftrag!“ – „Lass hören, du alte Schabracke!“ – „Du musst dieses Kind in meinem Haus abfangen und herausbekommen, was es vorhat!“ – „Aha… wie sieht es denn aus?“, fragte der Große Böse Wolf und die Hexe beschrieb den kleinen Fritz! „Waaaaaas?“, schrie der Große Böse Wolf, „Diese olle Missgeburt hätte mich eben fast über den Haufen gefahren! Na warte, der kann was erleben!“ Sprach’s, beendete das Telefonat und machte sich auf den Weg. Er war so erbost, dass er sogar vergaß, die Hexe nach seiner Belohnung zu fragen.

FORTSETZUNG FOLGT

Fritz hatte derweil komplett die Orientierung verloren. „Wo bin ich hier? Ich kenn die Gegend hier gar nicht. Plötzlich hörte er Laute aus seiner Hosentasche. „Hey, der Stein spricht ja.“ Er holte die Schnecke aus der Tasche und betrachtete sie genau. „Ey, du dummer Elefantenpenis, wat steckst du mich in deine verdreckte Tasche?“, schrie die Schnecke, „Ich hab ja kaum Luft bekommen da drin!“ Fritz wunderte sich immer noch. Das war selbst für einen harten Kerl wie den Fritz zu viel. Erst die seltsame Begegnung mit dem Großen Bösen Wolf, dann der plötzliche und unerklärliche Verlust seines Mofas und schließlich dieser komische sprechende Stein. Das war wirklich einer der seltsamsten Tage in seinem Leben. „Wat is‘ los, Alda?“, schrie die Schnecke, „Bissu erstarrt? Hassu Drogen genommen?“ – „Ich denke, das kommt hin!“, sagte Fritz und wunderte sich warum er seiner Einbildung noch antwortete, „Ich glaube, ich hab heute wohl was komisches gegessen!“ „Wer biste eigentlich, Kurzer?“ – „Hö? Ich bin der kleine Fritz, und du?“ – „Ich bin Caruzzo, die geilste Schnecke auf Erden!“, antwortete die Schnecke und verbeugte sich mit so etwas Ähnlichem wie einem Knicks. „Soll ich dich absetzen?“, fragte Fritz. „Ne, lass ma. Trag mich ruhig nochn bisschen rum. Eigentlich ganz angenehm. So komm ich auch mal schneller vom Fleck als sonst. Ganz schön anstrengend so ein Schneckenleben. Da fällt mir ein, ich hätte eigentlich nen wichtigen Termin beim Optiker gehabt… wie spät ist es?“ – „Ungefähr 12:00 Uhr“ – „Welcher Tag?“ – Fritz zuckte mit den Schultern: „Ich glaub Donnerstag, so genau weiß ich das nicht mehr.“ Er sah sich um. „Weißt du wo wir hier sind?“ „Hmm, lass ma sehen. Ach wir sind irgendwo in der Nähe vom Hexenhaus. Lange her, dass ich hier war. Hat sich ganz schön verändert hier!“ – „Hexenhaus?“, rief Fritz, „Genau da wollte ich hin. Wo müssen wir lang?“ – „Wat willste denn bei der ollen Grutulda?“ – „Ne Nummer schieben!“ – „Ne Nummer, mit Grutulda? Du musst echt verwirrt sein. Aber wir können ja einfach mal vorbeigucken, vielleicht isse auch gar nicht da.“

Missmutig trotete Fritz mit der Schnecke Caruzzo in der Hand Richtung Hexenhaus ohne zu ahnen, dass ein uns wohl bekannter Pelzträger bereits auf die beiden wartete.

FORTSETZUNG FOLGT

  1. Folge 5 [zurück]

Springen wir eine Viertelstunde in der Zeit zurück. Der Große Böse Wolf war gerade am Hexenhaus angekommen. Er überprüfte die Eingangstür. „Hmm, natürlich abgeschlossen. Wo hat denn die alte Fuchtel den Schlüssel versteckt?“, dachte er bei sich. Mit einem sicheren „Ach egal“ trat er die Tür einfach ein. „Die kann’s sich ja leisten!“ Die einzelnen Türsplitter warf er einfach in den Busch ohne zu merken, dass ein deutliches AUA zu hören war. Im Haus schaute er sich erstmal ausgiebig um. Er hatte einmal ein Verhältnis mit der alten Grutulda gehabt und konnte sich noch gut erinnern wie es im Hexenhaus aussah. „Immer noch die gleiche, verkommene Drecksbude wie früher!“ Aber irgendwas stimmte nicht. Der Wolf hatte ein Gespür für brenzlige Situationen und er wusste genau, dies war eine. Er fühlte sich beobachtet, sah aber niemanden außer seiner Reflektion im großen Ankleidespiegel. Er beschloss, im Schlafzimmer auf Fritz zu warten. Das Bett kannte er ja, das war gemütlich. Und was bei Rotkäppchen schon funktioniert hatte, konnte hier bei diesem Auftrag ja kaum schiefgehen. Irgendwie meinte der Wolf, die Geschichte mit Rotkäppchen wäre anders ausgegangen. Er konnte sich aber nicht genau erinnern. Das viele Kreidefressen für die liebliche Stimme hatte seinen Körper vergiftet und bei der Pusterei bei den Drei Kleinen Schweinchen wurde sein Gehirn mit Sauerstoff unterversorgt. Jetzt konnte er sich kaum etwas merken und sprach wie die letzte Tucke ausm Drag-Queen-Club, wo er auch schon mal aushalf, wenn das Geld knapp war. Er schmiss sich in’s Bett ohne die Schuhe auszuziehen. So wie er Grutulda kannte, würde es ihr eh nichts ausmachen. Die Katze, die noch auf der Matratze lag, fegte er mit einer seiner Pranken von selbiger. Er hasste Katzen. Die Miez fauchte kurz, woraufhin der Wolf kurz bellte. Die Katze gab Fersengeld und der Wolf war zufrieden. Er legte den Kopf auf das Kissen. Eigentlich hatte er heute ja schon genug getan. Neue Brille gekauft, telefoniert, zum Hexenhaus spaziert… ein kleines Nickerchen hatte er sich verdient.

Vor der Tür rieb sich eine kleine grüne Person erbost den Kopf. Noch nie hatte es jemand gewagt ihr achtlos Holzsplitter an den Kopf zu schmeißen. Und dann auch noch so zielsicher. Nur einmal war sie versehentlich in den Sommerschlussverkauf bei C+A geraten. Das war keine Sache, an die sich die kleine grüne Person gerne erinnerte. Wobei der Mantel, den sie damals erhaschen konnte, wirklich günstig war und lange gehalten hatte. Eigentlich war das lange Zeit ihr Lieblingsmantel gewesen und sie hatte ihn gerne getragen. Bis diese vermalledeite Katze, die just in diesem Moment auch noch an ihr vorbeirannte, ihn zerstörte. Die kleine grüne Person wusste schon seit langem, dass das Hexenhaus in keiner ruhigen Gegend lag. Als sie aber den Job bei der großen Warenhauskette angenommen hatte, war dies eine der wenigen Möglichkeiten günstig zur Untermiete zu wohnen. Die kleine grüne Person war niemand anders als Kranzfred Frosch, der neue Geschäftsführer der Sandman/Sandman/Meyer & Co. KG Ltd. GmbH, die nun nach mehreren Geschäftsformwechseln endlich eine Holding werden sollte. Kranzfred Frosch, oder Kranzi wie ihn einige seiner besten Freunde nannten und davon hatte er genaugenommen keine, wohnte erst wenige Wochen hier und hatte sich auch noch nicht wirklich eingelebt. Die Hütte der alten Grutulda hatte er auch nur genommen, weil sie ihm zusagte, die Limonadenleitung noch im selben Monat anzuschließen. Bis heute war nichts passiert. Auch das Bett war ihm viel zu weich und das Haus zu ungemütlich. Darum schlief er immer öfter im Freien. Der große Busch genau neben der Eingangstür war genau sein Fall. Jetzt wurde ihm sein Schlafplatz zum Verhängnis. Kranzfred stieg aus dem Gebüsch und blickte sich um. Die Angeln der Eingangstür hingen lose am Rahmen, einzelne Holzfetzen lagen im Eingangsbereich des Hauses und von innen hörte er ein lautes Schnarchen, das eigentlich eher nach einer Frau klang. „Komisch“, dachte Kranzfred, „Frauen schnarchen doch gar nicht so laut!“ Langsam betrat er das Haus. Es war noch genau so, wie er es vor einigen Wochen das letzte Mal betreten hatte. Nur etwas staubiger. Viel staubiger. Das Schnarchen kam aus dem Schlafzimmer. Vorsichtig schob er einen Fuß vor den nächsten und lugte noch vorsichtiger ins Schlafzimmer. Plötzlich entdeckte er die Großen Bösen Ohren des Großen Bösen Wolfs. Rechts aus dem Bett hing das rechte Große Böse Bein des Großen Bösen Wolfes unter der Großen Bösen Bettdecke hervor und man hörte deutlich das Große Liebe Schnarchen des Großen Bösen Wolfes. Auf der letzten Betriebsfeier hatten ihn seine Kollegen wegen seiner zarten Stimme immer ausgelacht. Das machte den Großen Bösen Wolf so wütend, dass er das kalte Buffet einfach mit seinem Großen Bösen Atem wegpustete. Danach war er entlassen worden und wurde erst nach einem langen Rechtsstreit beim Arbeitsgericht wieder eingestellt. Aber er hasste seinen Job eh, genau wie er den Richter und auch seinen Anwalt gehasst hatte. Er hasste es sogar zu schlafen und dabei zu träumen. Er zählte vorher auch keine Schafe, weil er diese so hasste. Er zählte immer Fledermäuse, weil er das mal im Kinderfernsehen gesehen hatte. Das Fernsehen hasste er übrigens auch.

Kranzfred überlegte, was er jetzt tun sollte. Plötzlich hörte er zwei Stimmen von draußen. Er erschrack und versteckte sich hastig im Schrank.

FORTSETZUNG FOLGT

  1. Folge 6 [zurück]

„Jetzt komm innen Schweiß, Fritz“, schrie Caruzzo, „schneller, Alda!“ Fritz trottete immer noch mit der Schnecke auf der Hand durch den Wald. „Sind wir schon da?“, fragte Fritz. „Ja, da vorne isses. Man kann die olle Hütte schon sehen!“ Hätte Caruzzo Hände gehabt, hätten sie jetzt in Richtung der windschiefen Hütte gezeigt. Wobei Hütte schon schmeichhaft war. Das Haus der alten Hexe Grutulda bestand eigentlich nur aus ein paar lieblos zusammengeklöppelten Brettern und was Fenster werden sollten waren eigentlich nur undichte Stellen in den Wänden. Aber Caruzzo hatte keine Hände und so zeigten seine beiden Stielaugen in die besagte Richtung, was Fritz aber nicht mal bemerkte. Das ärgerte Caruzzo ein bisschen und dann war es ihm egal. „Was‘n das fürn Haus?“ Fritz war verdutzt. „Da ist ja nicht mal ne Tür drin!“ „Als ich dat letzte Mal hier war, war hier noch ne Tür!“, bemerkte Caruzzo. Er blickte sich um und überlegte. „Sieht aus als wär sie gerade erst eingetreten worden. Die Bruchstücken liegen noch überall rum!“ – „Sollen wir nicht einfach mal reingehen und die Lage checken?“, fragte Fritz, „Es ist fast 15 Uhr und ich hab so langsam richtig Hunger!“ – „Hättest du dich nicht immer wieder verlaufen, wären wir schon vor Stunden hier angekommen!“, erwiderte Caruzzo. „Ich kenn mich in dem Wald aber nicht aus! Ich komm aus der Stadt!“ – „Was is denn bitte so schwer daran einen hundert Meter langen Waldweg einfach entlang zu gehen?! Aber nein, dat olle Stadtkind muss ja ‚den Wald erkunden‘!“ – „Was denn? Ich dachte, ich hätte nackte Weiber gesehen! Da musste ich einfach hin!“ Caruzzo schüttelte den Schneckenkopf. Sehr langsam natürlich, er war ja eine Schnecke. „Geh einfach rein!“, resignierte er.

Kranzfred war dem Herzinfarkt nah. „Oh nein, die Stimmen kommen immer näher! Was mache ich denn jetzt?“, dachte er. Der Wolf schnarchte immer noch. Trotz der zarten Stimme klang sein Schnarchen wie eine Kettensäge. Wie eine rosafarbene Kettensäge mit silbernem Schmuckkettchen zwar, aber wie eine Kettensäge. Immerhin. Kranzfred kauerte sich in die hinterste Ecke des Schrankes.

Fritz und Caruzzo betraten das Schlafzimmer. Der Wolf sägte sich selbigen und sein Bein hing noch immer aus dem Bett. Fritz erkannte sofort den pelzigen Typen, der ihm im Wald begegnet war. „Guck mal, Caruzzo, kennste den?“, fragte er seinen schleimigen Kumpel. „Klar doch, dat is der olle Böse Wolf.“ – „Böser Wolf? Ich dachte den gibts nur im Märchen!“ – „Ja, wat meinste wo du hier bist, Fritz?“ – „Inner widschiefen Hütte in nem verkackten Wald.“ Fritz wollte plötzlich wieder nach Hause. Er hielt sich gar nicht mehr für den coolen Typen, der in der Schule immer die meisten Pokémon-Karten hatte, sondern für jemanden, der die Welt nicht verstand, in der er lebte. Kranzfred bibberte vor Angst. Wer waren denn jetzt diese beiden Typen, die da im Raum standen. Ein Junge, ne handbreit größer als ein Dackel und ne Schnecke mit Balkon und Swimming Pool auf dem Dach. Kranzfred wünschte sich, er wäre wieder im Tümpel bei Muttern, da war es schön gewesen. Gut, die Mieten waren astronomisch hoch und die Wasserqualität echt was für den Allerwertesten, aber es gab immer frische Limonade. Ihm fehlte die Limonade. Plötzlich fasste er einen Entschluss. Er wollte sein Leben wieder in seine eigenen Hände nehmen. Er wollte aus seinem Mietgebüsch raus und in ein schönes Eigenheim irgendwo am Waldrand ziehen. Irgendwohin wo es immer genug Limonade gab. Er hatte mal von einem Vetter sechsten Grades gehört, dass es irgendo eine Cola-Abfüllanlage geben sollte, in deren unmittelbaren Umgebung mehrere Tümpel leerstanden. Er mochte zwar Cola nicht besonders gerne, aber es war schonmal ein Anfang. Entschlossen sein Leben zu verändern, sprang er aus dem Schrank, rief: „Tschüss ihr Säcke!“ und verschwand aus dem Haus, packte seine Sachen und verschwand auf nimmerwiedersehen aus dem Wald. Fritz und Caruzzo waren so erstaunt, dass davon der Große Böse Wolf wach wurde. Mit einem Satz stand er aufrecht im Zimmer und seine Augen blitzten. Er machte ein bedrohliches Gesicht, fletschte die Zähne und schrie: „WAS IS DENN HIA LOS????“

FORTSETZUNG FOLGT

Share and Enjoy:
  • Twitter
  • Facebook
  • del.icio.us
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • MySpace
  • Tumblr
  • Digg
  • Reddit
  • email



Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: